Den nachfolgenden Artikel reichte mir Tom, gleichnamiger Wirt aus Bad Ems ebenfalls zum
Auftritt in Tom´s Hütte nach:
Geballte Ladung grüne Insel durchs Mikro
Paddy Schmidt, Ex-Frontmann von "Paddy goes to Holyhead", fesselte mit Balladen
das Publikum in BAD EMS. Eigentlich würde man den Mann mit der Biker-Frisur eher in eine
Metal-Band stecken. Süße Melancholie, filigranes Gitarrenspiel oder subtiler
Witz erwartet kein Mensch von dem zotteligen Blondschopf, als er, sichtlich
angeschlagen von einer deftigen Erkältung, mit seiner Akustik-Klampfe auf
den Barhocker steigt. Doch Paddy Schmidt, Gründer von "Paddy goes to
Holyhead", schmettert die geballte Ladung grüne Insel durchs Mikrophon - und
das ohne Geige, Quetschkommode und Handtrommel: das pure Vergnügen.
Nein, Paddy Schmidt braucht den Rattenschwanz seiner Band nicht - zumindest
nicht, wenn er in einer gemütlichen Kneipe wie Toms Hütte in Bad Ems in die
Saiten seiner Klampfe greift. Diese Gitarre, ein Barhocker, eine Harp und
ein Mikrophon, in das der 38-jährige Ex-Frontmann von "Paddy goes to Holyhead"
irische Balladen und Trinklieder schnurrt, fesseln das Hütte-Publikum für
satte drei Stunden.
Paddy, eigentlich Harald Kligge, startet sein Konzert mit einem
Holyhead-Klassiker. "Bound Around (All around the World)", der Ohrwurm, der bei Konzerten
der gesamten Band stets ein Tanzgarant ist, animiert die Fangemeinde bereits
zum ersten schüchternen Mitsingen des Refrains. Ein irisches Neujahrslied
schließt sich an, und der vom Schnupfen gebeutelte Paddy freut sich über die
fast andächtige Ruhe in der Kneipe, mit der die Zuhörer die Lyrics der Songs
verfolgen.
Doch Weihnachten ist abgehakt, allzu besinnlich will's der Musiker nicht.
Blutrünstige Kinderlieder, eine schmachtend-humorvolle Ode an seine angeblich
vergangene Zeit als "Hell's Angel" (das glaubt man ihm aufs Wort...) oder
ein Irisch-Schnellkurs für Anfänger (wilya, wilya, wolya meint faleri,
falera) - Paddy galoppiert von einem Whiskey-Song zur nächsten schrägen
Story.
Und während sich der Wirt am Zapfhahn vor Lachen schüttelt, zappeln die
Gäste amüsiert an ihren Tischen.
Ja, neben seiner fantastischen Stimme, dem herrlichen, wenn auch bloß
antrainierten irischen Akzent, seinem beeindruckenden Gitarrenspiel und
mitreißenden Harp-Eskapaden ist es vor allem der schlagfertige Humor, mit
dem der Darmstädter zwischen den Musiknummern immer wieder Geschichten von
der Insel (oder seinen Nachbarn) zum besten gibt, der die Gäste vom Hocker
reißt. Dabei scheint es völlig egal, was er erzählt: über die Anekdoten
eines Mannes, der in Belfast Klingelmännchen spielte ("Ring the bell, run
like hell") oder sich einen Urlaub lang auf die (erfolgreiche) Suche nach
den verbleibenden zwei Strophen von "Seven Drunken Nights" gibt, gluckst man
selbst erfreut, wenn er vom tragischen Ableben eines liebestollen Schotten
berichtet - köstlich.
Im zweiten Set des Konzertes plaudert und singt Paddy aus dem Nähkästchen
des geplagten Musikers, dessen Herz doch eigentlich für irische Volksmusik
schlägt und doch immer wieder während Gigs mit Liedwünschen der Gäste von
Status Quo, Fury in the Slaughterhouse oder Metallica geplagt wird. Paddy
nimmt´s locker, verkauft den Evergreen "Dirty old Town" als Cover-Version
jeder angesagten Band und quetscht die traditionellen Lyrics mit herrlichem
Schwermut (und grandioser Mimik) in die Melodien von Nothing else matters,
Radio Orchid, zerrt den Text immer um einen Halbton daneben in einem
Dylan-Song, quietscht die Zeilen à la No Angels durchs Mikrophon. Das
Publikum: schier aus dem Häuschen. Und Paddy wird die Geister, die er rief,
zumindest für diesen Abend nicht mehr los.
Die Fangemeinde entpuppt sich nämlich als äußerst einfallsreich und fordert
den Song von Nena, Reinhard May, Wolfgang Petry. Da helfen nur noch
Dauerbrenner wie Whiskey in the Jar, Wild Rover, What shall we do with the
drunken Sailor - oder eine Geschichte über die GEMA.
Schlag k.o. aber höchst zufrieden verschnauft nicht nur das Publikum nach
dem Konzert bei einem Absacker an der Theke. Paddy Schmidt, der Bad Ems
bereits vor zehn Jahren kennen lernte, ist völlig begeistert von der
Lokalität: "Hier ist es so urig. Solche Läden sind natürlich prädestiniert
für irische Musik". Wiederkommen soll er. Will er auch. Das nächste Mal
vielleicht mit seiner neuen Formation "Paddy Schmidt & Band". Denn heute
verabschiedet sich der Musiker nach 13 Jahren von den Holyheads - mit einem
großen Konzert auf der Kyrburg in Kirn.
Michaela Cetto |